Warum YouTube (Music), Spotify und Apple immer mehr Videoinhalte pushen und was man dagegen tun kann.

Das Hören, wie wir es kennen, stirbt – denn Video drängt sich immer mehr auf, getarnt als Musik oder Podcast. Das ist besonders für Kinder und Familien ein Problem, denn Videoinhalte „zwingen“ Kinder dazu, am Bildschirm zu bleiben und rauben ihnen damit ein Stück ihrer Freiheit. Aber es gibt Lösungen, wie wir uns und unseren Kindern das Hören zurückerobern können: mit selbst verwalteten Geräten, alternativen Appstores und Open Source Programmen.
Das Videoproblem bei Musik und Podcasts
Viele Eltern kennen das Problem: Es gibt kaum noch eine App, die das Hören – und zwar nur das! – erlaubt. Plattformen kämpfen um die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen und pumpen immer mehr Videoinhalte in ihre Audio-Apps – um die Verweildauer und damit die Vermarktbarkeit und das Werbeumfeld zu verbessern. Es geht um Geld und (Markt-)Macht. Die Zeiten, in denen eine Musik-App einfach nur Musik anbietet, sind längst vorbei! Egal ob Spotify, YouTube Music oder Apple Music – Videoinhalte lassen sich nicht deaktivieren und die Standard Kindersicherungen und Bildschirmzeit-Optionen bieten keine Lösung. Mit dem Einstieg von Apple Podcasts in das Videostreaming fällt nun auch die letzte große Hör-App weg, in der Kinder einfach nur hören können und nicht dazu „gezwungen“ werden die ganze Zeit am Gerät zu kleben.
Die Lösung: Alternative (Open Source) Apps
Zuerst die gute Nachricht: Für Android Nutzer*innen gibt es eine Rettung aus der Videofalle. Der alternative App-Store F-Droid bietet mehrere Apps, die das Hören auf dem Smartphone oder Tablet (ganz ohne Videozwang) wieder möglich machen. Die App OpenTune lässt sich mit dem YouTube- bzw. Google-Profil verknüpfen und man hat Zugriff auf alle Songs und Videos der Plattform. Der Clou: Man hört nur, die Videospur ist deaktiviert, man sieht nur ein Standbild des Videos. Ähnlich verhält es sich mit der App Kreate, die in der Standardversion jedoch sehr komplex ist und eine genaue Anpassung benötigt. Der Vorteil: Die App kann man sogar ohne Google- oder YouTube-Konto nutzen.

Nun zur schlechten Nachricht: ganz so einfach und bequem wie die Standardapps von Spotify, YouTube und Apple sind die Alternativen nicht und um F-Droid installieren zu können, müssen entsprechende Berechtigungen in den Einstellungen erteilt werden – und Google gefällt das alternative Konzept überhaupt nicht und macht es Entwickler*innen schwer – ob sich die Alternativen also langfristig halten, ist unklar. Und für Apple-Nutzer*innen sieht es ganz schlecht aus, denn alternative Apps sind im Apple-Universum des iPhones und iPads unerwünscht und deshalb so gut wie nicht vorhanden.
Immerhin lässt sich das „Podcastproblem“ für alle Nutzer*innen lösen. Die freie App Antennapod existiert auch im Playstore von Google – und in den Einstellungen der App kann man das Aussehen und die Funktionalität so anpassen (minimieren), dass die App für Kinder ganz hervorragend zu bedienen ist. Auch für Apple-Nutzer*innen gibt es viele Alternativen zur vorinstallierten Podcast-App von Apple, wie z.B. Pocketcasts.
Kassettenrekorder und CD-Player 2.0

Wer technisch begabt oder zumindest neugierig ist, hat vielleicht schon mal von den vielen Alternativen der Toniebox, der Phoniebox oder des TonUINO gehört. Für bastelaffine Eltern mit (Kita- und Vorschul)-Kindern ein tolles Projekt! Aber doch auch sehr eingeschränkt, vor allem wenn das Kind etwas älter ist und selbst auf Musik-, Hörbuch- und Podcast-Entdeckungsreise gehen möchte. In unserem Haushalt haben wir uns deshalb für eine andere Variante entschieden. Ein Hör-Tablet, das von Kindern selbst verwaltet werden kann.
Um so einen „Kassettenrekorder 2.0“ selbst einzurichten, braucht man ein einfaches Android Tablet (bei uns ist es ein refurbished Lenovo Tab One für etwa 80 Euro) und ggfs. eine Bluetooth Box. Bei der Ersteinrichtung des Tablets sollte man auf die Option „für Kinder und Jugendliche“ achten, direkt den alternativen Appstore „F-Droid“ und die gewünschten Apps (z.B. Antennapod, Opentune oder Kreate) installieren und anschließend das Tablet mit Googles „Family Link“ einrichten. Damit lassen sich alle unerwünschten Apps auf dem Kindergerät ausblenden, sodass auf dem Homescreen nur noch die gewünschten Apps erscheinen (Z.B. Antennapod und OpenTune bzw. Kreate).
Da sich nicht alle Apps ausblenden lassen, (im Appdrawer sind trotzdem noch einige Apps zu sehen, z.B. „Einstellungen“) empfiehlt sich zusätzlich eine App namens App Lock. Die verpasst Apps auf Wunsch einen Zugangs-Code. Während Podcasts und Musik frei (oder per Family Link zeitlich begrenzt) zugänglich sind, lassen sich die restlichen Apps nur mit dem gewählten Code öffnen.
Der Aufwand lohnt sich – Alle sind happy!
Zugegeben, das ist aufwändig. Und es wäre natürlich viel besser, wenn Unternehmen und Plattformen wie Google und Apple ihrer Verantwortung nachkommen würden und Eltern bessere Werkzeuge für den Kinderschutz an die Hand geben. Eigentlich sollte es für die Unternehmen eine Kleinigkeit sein, ihre Bildschirmzeit-Optionen um einen Schalter „Videos ausblenden/deaktiveren“ zu erweitern. Aber da in dieser Richtung seit Jahren nichts passiert und das Content-Pumpen per Algorithmen und generierte KI-Inhalte gerade erst so richtig Fahrt aufnehmen, sollte man nicht davon ausgehen, dass die Situation besser wird. Ein Smartphone oder Tablet kindgerecht einzurichten fühlt sich heute wie digitale Notwehr an.
Aber es lohnt sich! Open Source Alternativen kennen zu lernen, bietet nicht nur für Erwachsene einen Mehrwert. Und ein medial selbstverwaltetes Gerät fühlt sich für Kinder gut an, das Kleben am Bildschirm fällt weg und das Hören als Nebenbeimedium – mit freien Händen und Augen für Basteln, Malen, Sport und Spiel ist gerettet!